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■ Elke Heidenreich las aus ihrem ersten Erzählband »Kolonien der Liebe«

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Eine chemische Substanz — C6H5 (NH2) CH3 — löst im Gehirn das Liebessyndrom (Ohrensausen, Zähneklappern, Herzrasen) aus. Jedenfalls behauptet das Michael Liebowitz (sic!) in den USA. Elke Heidenreich, der erfahrenen Journalistin und Moderatorin, ist die Formel hinreichend lapidar, um sie als Motto für ihren ersten Erzählband Kolonien der Liebe zu verwenden. Heidenreich will schließlich keinen Kitsch.

Allein die Innenarchitektur der Buchhandlung »Wunschbuch«, in der Heidenreich liest, ist funktional und medial genug, den Abend andächtig und spöttisch zu halten. Rechts und links von Elke Heidenreichs kleinem Köpfchen thronen zwei Nixdorf-Kassencomputer. In der Buchhandlung Wunschbuch führen alle Wege auf blaugrau-meliertem Teppich zur Kasse, sextagonal abgeflacht für die polygonal Herbeistürmenden. Auf der linken Ablage stapeln sich die bordeauxroten, flaschenbehalsten Einbände der Heidenreich.

Im Halbkreis vor ihr, auf aufsteigenden Treppen, Stühlen oder Teppich, hocken die ZuschauerInnen, überaus gut gelaunt und ausgelassen. Draußen geht ein herrlicher Tag zu Ende. Love now!

»Ich wäre meine Mutter sehr gern irgendwie losgeworden. Sie hatte immer schlechte Laune und so eine Art, mir mit nassem Spuckefinger Flecken im Gesicht wegzuwischen…«, fährt Elke Heidenreich dazwischen. Mit dem Charme und der Grausamkeit einer 14jährigen erzählt sie Die Liebe, eine 1984 verfaßte Erzählung aus ihrem neuen Buch. Sonja heißt das Gör, träumt von Rhett Butler und schüttet anschließend den weichgekochten Wirsing der Mutter ins Klo. Beim Protokoll der Männerküsse ist sie schnell bei 36 angelangt und wäre doch am liebsten ein Waisenkind, weil die Mutter eine Ziege und weder reich noch fürsorglich ist.

Der Plauderton macht das Zuhören leicht. Bereitwillig läßt man sich in die Lächerlichkeiten der eigenen Kindheit entführen. Daß die Geschichte grausam endet, mit dem Freitod der James-Dean-hörigen Freundin und dem Stupor des nekrophilen Freundes, der den Fenstersturz mit ansehen mußte, tut nichts zur Sache. Da sind wir schließlich Härteres gewöhnt.

Nach Der Liebe macht Elke Heidenreich eine Atempause. Die Wahlkölnerin erklärt, daß sie nun ihre Haßtirade über Berlin — Kleine Reise — vorzulesen gedenke, da müsse sie jetzt einfach durch: »Ich hasse Berlin, habe es immer gehaßt… Ich mag’ ihr Bier nicht und muß kotzen, wenn ich ihre Buletten nur sehe, und überall alte Leute und Hundescheiße.« Die Ich-Erzählerin, eine Journalistin, stolpert weiter, reibt sich am spießigen Hotel und dem schmierigen Pianisten auf, kämpft sich zum Strich durch, wo sie — ihrer Illustrierten zuliebe — für eine Reportage recherchieren soll. Schließlich flüchtet sie allein in ihre Suite zurück, auch hier nicht frei von düsteren Gedanken: »Vielleicht sprang Fritz gerade vom 18. Stock in die Spalierbirnen, um sein Tief loszuwerden, und die lila Nutte lag unter einem fetten Versicherungsvertreter und memorierte Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen…« Die Flucht aus Berlin droht noch am Flughafen zu scheitern. Die Journalistin trifft auf einen Vertreter für Kunstpenisse aus Oberursel, der »federnd, rhythmisch, begeistert« nicht von ihr weichen will.

Der Text von Elke Heidenreich ist sehr dicht, wie es sich auch für eine exzellente Kolumnistin gehört. Die heute 49jährige Autorin hat jahrelang unter der Rubrik »also« für die ‘Brigitte‘ geschrieben, elf Jahre im Radio als Metzgersgattin Else Stratmann mit Klatsch und Menschenkenntnis bestochen. Zwar ist ein dichter Text noch lange kein literarischer, und die Nächte mit Bosch vom ‘SZ‘-Mann Axel Hacke sind immer noch unwahrscheinlicher und trotzdem wahrer, als das, was Frau Heidenreich schreibt — aber ein vorzügliches Buch für kleine Geschenke ist Kolonien der Liebe allemal. Vor allem Das Herz kaum größer als die Leichenfast, die letzte Erzählung im Buch, lohnt das Lesen — »Und ich nehme an, Sie können doch alle lesen?« stichelt Heidenreich.

Am Ende der Lesung stürmen die ZuschauerInnen die Kasse. Die Nixdorf-Syringen drücken die digitalen Augen zu und lassen die Zahlenden ein. Elke Heidenreich, mit Sinn für Stilbruch, signiert ihr Buch mit lilafarbenem Edding. Mirjam Schaub

Elke Heidenreich: Kolonien der Liebe. Rowohlt 1992, 175 Seiten, 28 Mark

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